Dynamischer Tarif und HEMS: der Praxistest

Der dynamische Tarif gibt die aktuellen Strombörsenpreise direkt an die Kunden weiter. Wird der Verbrauch an diese angepasst, kann man als Stromkunde sparen. So die Idee, die sich hinter diesem noch recht neuen Tarif verbirgt. 

Wie alltagstauglich ist die Steuerung des Verbrauchs per Home-Energy-Management-System, kurz HEMS, und was spart man wirklich? Drei unserer Mitarbeiter testen seit über einem halben Jahr Tarif und HEMS im eigenen Haushalt und ziehen eine positive Zwischenbilanz.

Dynamischer Tarif

Stromtarif, bei dem sich der Preis je nach Zeit und Marktlage viertelstündlich verändert.




 

HEMS

HEMS – Ein Home-Energy-Management-System steuert und optimiert den Stromverbrauch im Haushalt, zum Beispiel für PV-Anlage, Wallbox, Speicher und Wärmepumpe.

 

Smart Meter

Ein intelligentes Mess-system, iMSys, erfasst und übermittelt Verbrauchsdaten automatisch und zeitgenau, es ist Voraussetzung, um den dynamischen Tarif nutzen zu können.

 

Nino Kleine Höötmann

Team Netzvertrieb

Testumgebung:
Einfamilienhaus,
4 Personen, PV-Anlage,
15-kWh-Speicher, Wärmepumpe, E-Auto mit Wallbox, Steuerung per HEMS

 

Herr Kleine Höötmann, wie fällt Ihr Fazit nach über einem halben Jahr Testbetrieb aus?
Ich bin zufrieden. Die Steuerung der Verbräuche läuft über das HEMS selbstständig, da muss ich mich praktisch nicht mehr drum kümmern. Und wir sparen mit dem dynamischen Tarif seit Januar im Schnitt 40 Euro pro Monat.

Wie funktioniert die Steuerung?
Wenn unsere PV-Anlage Strom produziert, wird dieser direkt verbraucht, zum Beispiel für das Laden des E-Autos. Was übrig bleibt, wird in dem 15-kWh-Batteriespeicher gespeichert und steht für den Nachtverbrauch bereit. Strom, den wir darüber hinaus benötigen, wird bezogen, wenn er günstig ist. Man kann sagen, das HEMS verschiebt die Verbräuche in die Zeiten mit niedrigen Börsenpreisen.

Und das läuft?
Ja, wie gesagt. Am Anfang schaut man immer wieder mal auf das Smartphone. Aber wenn alles funktioniert, das E-Auto morgens geladen ist und die Stromrechnung deutlich niedriger ausfällt als vorher, gewinnt man Vertrauen. Man kann ja auch jederzeit eingreifen, wenn etwas außer der Reihe eingeschaltet oder geladen werden muss.

Wie aufwendig ist es, die HEMS-App einzurichten?
Es ist erstaunlich einfach und funktioniert intuitiv, das meiste wird durch das System selbst geregelt.

Wie würden Sie den Nutzen beschreiben?
Zum einen wird die Eigenverbrauchsquote erhöht, indem HEMS mir hilft, meinen selbstproduzierten Strom sinnvoll einzusetzen, zum anderen werden die Preise für den eingekauften Strom runtergedrückt. Das Ganze läuft im Hintergrund, sodass man eigentlich nichts davon mitkriegt, aber am Ende viel davon hat.

Patrick Frieler

Monteur Gas, Wasser

Testumgebung:
Landwirtschaftlicher Betrieb, PV-Anlage, 15-kWh-Speicher, Wärmepumpe, E-Auto mit Wallbox, Steuerung per HEMS

 

Herr Frieler, wie würden Sie Ihre Erfahrungen nach einem halben Jahr zusammenfassen?
Am Anfang war das schon eine Umstellung, inzwischen hat sich aber alles gut eingependelt und die Steuerung läuft automatisch, unter anderem, weil das HEMS lernfähig ist und sich selbst auf die Gegebenheiten einstellt.

Haben Sie Kosten eingespart?
Seit dem Beginn der Testzeit rund 300 Euro. Wir haben einen landwirtschaftlichen Betrieb mit sechs Personen und großen Verbrauchern, von daher lohnt sich der dynamische Tarif.

Bisher hieß es, dass man die Verbrauchszeiten genau im Blick haben muss, um vom dynamischen Tarif zu profitieren. Hat sich das mit HEMS erledigt? 
Größtenteils schon, trotzdem bleibt ein gewisses Restrisiko. Nämlich dann, wenn man Geräte nutzt, die nicht per HEMS gesteuert werden. Bei der Waschmaschine ist das vielleicht nicht so schlimm, aber wenn man die Sau-na startet, während der Strom gerade 80 Cent pro kWh kostet, dann sind alle Spareffekte dahin.

Bleiben Sie bei dem System und wem würden Sie es empfehlen?
Ich bin grundsätzlich sehr zufrieden. Besonders wenn man große Verbraucher zu Hause hat, kann man viel einsparen. Den dynamischen Tarif ohne HEMS würde ich allerdings nicht empfehlen. Beides gehört aus meiner Sicht unbedingt zusammen.

Christoph Vöcking

Facility Management

Testumgebung:
Einfamilienhaus, PV-Anlage mit 10-kWh-Speicher, E-Auto, kombinierte Pool- und Wärmepumpe, Steuerung per HEMS

 

Herr Vöcking, wie haben Sie die Testphase erlebt?
Wir leben weiter wie vorher und den Rest macht HEMS.

Also keine technischen Hürden? 
Die sehe ich nicht. Wenn einmal alles eingerichtet ist, funktioniert es reibungslos. Das System trifft nach den ersten Vorgaben selbstständig Entscheidungen. Je nach Wettervor-hersage wird zum Beispiel PV-Strom genutzt und gespeichert oder es wird günstiger Strom eingekauft, der uns dann bei Bedarf zur Verfügung steht. Durch die intelligente Steuerung konnten wir unseren Eigenstromanteil von 70 auf 85 % erhöhen. Das ist schon ein ordentliches Ergebnis.

Wie hat sich Ihre Stromrechnung verändert?
Ich zahle jetzt ca. 20 Euro weniger im Monat. Und das mit dem sogenannten Modul 1, bei dem eine pauschale jährliche Gutschrift der Netzentgelte eingerechnet ist. Mit Modul 3, das heißt einer zeitvariablen und dynamischen Reduzierung der Netzentgelte, wären etwas mehr als 30 Euro an Einsparun-gen möglich. Das ist aktuell aber noch Zukunftsmusik.

Was empfehlen Sie, um HEMS und dynamische Tarife optimal zu nutzen?
Spannend ist, dass man nach und nach alle Verbraucher des Haushalts bis hin zur smarten Steckdose in die Steuerung integrieren kann. So kann man bei sich zu Hause relativ einfach das Maximum an Energieeffizienz herausholen. Voraussetzung dafür sind ein intelligentes Messsystem, der dynamische Tarif und die HEMS-App, ohne die es schwierig wird, den Tarif optimal zu nutzen.

Probieren geht über Studieren

Die Ergebnisse des Praxistests fließen in die Entwicklung eines neuen Produktes der Stadtwerke Gronau ein, das auf dem dynamischen Tarif und der Steue-rung durch HEMS im Rahmen der App GronauEnergie+ basiert. Der dynamische Tarif ohne HEMS wird seit 2025 angeboten. Voraussetzung ist in jedem Fall ein intelligentes Messsystem zur Steuerung von steuerbaren Verbrauchseinrichtungen gemäß den gesetzlichen Vorgaben nach § 14a EnWG.

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